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Im Mai kam die Nachricht: Wir befinden uns in einer sogenannten technischen Rezession. Die Wirtschaftsleistung ist zwei Quartale in Folge zurückgegangen. Das lag vor allem daran, dass die Menschen privat weniger konsumierten. Eine wirkliche Rezession wäre in unserem jetzigen Wirtschaftssystem schlimm. Was kaum ein Medienbericht erwähnte: Wir könnten unser Wirtschaftssystem so umbauen, dass es nicht auf Wachstum angewiesen ist. Deshalb finden wir: Es wird Zeit, in diesem Klima-Briefing auf das Wirtschaftswachstum zu schauen.
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Leonie Sontheimer und Katharina Mau vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland |
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Es gibt eine Sache, die die wenigsten Politiker*innen und Journalist*innen in Frage stellen, wenn es um Klimaschutz geht: Wirtschaftswachstum. Dabei deutet viel darauf hin, dass wir Wachstum als Maxime hinterfragen müssen, um der Klimakrise zu begegnen – das steht sogar im IPCC-Bericht: „Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass nur ein Degrowth-Ansatz eine Klimastabilisierung unter zwei Grad ermöglicht.” (AR6, WGIII, S. 361)
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Emissionen wachsen mit dem Wirtschaftswachstum |
Aber von vorne. Wirtschaftswachstum messen wir mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das haben mächtige Männer nach dem Zweiten Weltkrieg so festgelegt. Der Wohlstand, den der Nachkriegsboom in Deutschland gebracht hat, ist in unseren Köpfen eng mit dem BIP verknüpft. Das BIP ist aber gar kein Wohlstandsindikator, es misst ganz einfach den Wert der Waren und Dienstleistungen, die in einem Land hergestellt oder erbracht werden. |
Wenn du ein Fahrrad oder SUV kaufst, wenn du dein Auto nach einem Unfall reparieren lässt, wenn ein Friseur einem Kunden einen Undercut schneidet, dann steigt das BIP. Wenn der gleiche Friseur einem Freund einen Undercut schneidet, einfach so, ohne Geld zu verlangen, steigt das BIP nicht. Nach der Definition hat dieser Freundschaftsdienst keinen Wert – er ist ja nicht bezahlt. |
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Das weltweite Bruttoinlandsprodukt hat ab Mitte des 20. Jahrhunderts ein absurdes Wachstum hingelegt – allerdings auch die CO2-Emissionen. Dass mit dem BIP auch die Emissionen steigen, ist logisch. Je mehr Häuser, Autos, E-Scooter, Superyachten wir bauen und nutzen, desto mehr Energie verbrauchen wir. Und die ist oft immer noch fossil. |
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Aber was ist mit grünem Wachstum? |
Wirtschaftswachstum geht also mit CO2-Emissionen einher. Die Lösung vieler Politiker*innen, Ökonom*innen und Journalist*innen ist grünes Wachstum, also die Entkopplung von Wachstum, Emissionen und Ressourcenverbrauch. Wenn wir Energie effizienter nutzen, Stahl mit grünem Wasserstoff herstellen und Autos mit Strom fahren, haben wir Wirtschaftswachstum, das niemandem schadet – so die Idee. Die hat aber gleich mehrere Haken. |
1. Bisher ist grünes Wachstum eine Wunschvorstellung |
Tatsächlich lässt sich in Deutschland und einigen anderen Ländern beobachten, dass die Emissionen leicht sinken, während das Wirtschaftswachstum steigt. Man spricht dann von absoluter Entkopplung. Die Emissionen sinken aber nicht so stark, wie es notwendig wäre, um die Grenze aus dem Pariser Klimaabkommen einzuhalten. |
In einer Studie haben sich Forschende Länder angesehen, in denen es über einen längeren Zeitraum so eine absolute Entkopplung gab – in denen also das BIP gestiegen ist, während die Emissionen gesunken sind. Außerdem haben sie die Emissionsrückgänge in diesen Ländern mit dem verglichen, was nötig wäre, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Das Ergebnis: Kein Land hat die starken Rückgänge erreicht, die für die 1,5 Grad-Grenze notwendig wären. |
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Ökonom Timothée Parrique bei der Beyond Growth Konferenz im EU-Parlament: „The idea of economic growth fully decoupled from the impact on nature is a fairy tale.” |
2. Auch erneuerbare Energien sind begrenzt |
Ja, aber in Zukunft? Vielleicht klappt es mit der Entkopplung ja in 20 Jahren? Die Wirtschaft wächst exponentiell. Wenn das BIP jedes Jahr um zwei Prozent wächst, verdoppelt sich „die Wirtschaft” innerhalb von 35 Jahren. Um immer mehr Dinge zu produzieren, bräuchten wir immer mehr erneuerbare Energien. Theoretisch sind Sonne und Wind natürlich im Übermaß vorhanden. Aber irgendwo muss man die Windräder auch aufstellen, den Beton für die Sockel herbekommen, die Rohstoffe für Solarpanele und Speicher. „Ökostrom wird knapp und teuer bleiben”, schreibt die Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus”.
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3. Unser Wirtschaftswachstum beruht auf Ausbeutung |
Europa hat eine koloniale Geschichte, unser Wohlstand beruht auf der Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen im Globalen Süden. Auch die neuen, klimafreundlichen Technologien der jetzigen Regierung setzen diese traurige Tradition fort: Der Lithium-Abbau in Chile zerstört den Lebensraum von indigenen Menschen, Tieren und Pflanzen. Und in Norwegen kämpfen die Sámi gegen Windparks auf ihren Gebieten, an denen auch deutsche Investoren beteiligt sind. |
Auch Farhana Sultana, eine bangladeschisch-us-amerikanische Geographie-Professorin, kritisierte bei der Beyond Growth Konferenz im EU-Parlament, wie selbstverständlich reiche Nationen einen grünen Kolonialismus fortsetzen: „The world economy continues to rely on exploitation of resources and peoples from marginalized communities as if that is the norm and nothing else is plausible.” |
4. Klima ist nicht die einzige Krise |
Wir stecken nicht nur tief in der Klimakrise, sondern auch in der Biodiversitätskrise und beide hängen eng miteinander zusammen. Wenn wir Autobahnen für Elektroautos bauen, zerstören sie immer noch die Natur. Auch recyceltes Plastik landet in den Ozeanen. Und um Häuser aus Holz zu bauen, müssen wir Bäume abholzen. Der Earth Overshoot Day für Deutschland war dieses Jahr am 4. Mai. An diesem Tag war Deutschlands Anteil an den Ressourcen, die die Erde in einem Jahr regenerieren kann, verbraucht. Wie sollen wir wieder zu einem fairen Anteil kommen, wenn die Wirtschaft immer weiter wächst? |
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Wir können es uns vielleicht nur schwer vorstellen, aber ein anderes Wirtschaftssystem ist möglich. Der Wirtschaftsanthropologe Jason Hickel stellte dafür in seiner Rede bei der Beyond Growth Konferenz mehrere Punkte vor. Unter anderem: |
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Demokratisch zu bestimmen, welche Art von Produktion wir brauchen und welche wir zurückfahren sollten. Das kann zum Beispiel heißen, in erneuerbare Energien und Wärmepumpen zu investieren und gleichzeitig die fossile Industrie herunterzufahren.
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Eine kostenlose Grundversorgung für alle auszuweiten, mit kostenlosem oder günstigem Zugang zu Wohnraum, öffentlichen Verkehrsmitteln, Energie, Internet, etc.
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Wie das konkret funktionieren soll? Das ist eine riesige Frage und Ansätze zu recherchieren und zu hinterfragen, ist unsere Aufgabe als Journalist*innen. Einen guten Einstieg in die Debatte bietet zum Beispiel die Website der Beyond Growth Konferenz, die wir schon erwähnt haben. Alle Talks kann man dort online nachschauen. Auch das Konzeptwerk Neue Ökonomie sammelt auf seiner Seite unterschiedliche Materialien. Unsere Kollegen von der Treibhauspost haben eine Ausgabe mit dem schönen Titel „Einigkeit und Recht und Wachstum” gemacht. Und Leonie stellt bei Perspective Daily mit zwei Kolleginnen fünf gute Ideen für eine Welt ohne Wachstum vor (Abo).
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Ganz wichtig: Es geht nicht darum, in unserem jetzigen Wirtschaftssystem zu schrumpfen. Denn das würde eine Rezession bedeuten. Die Frage ist: Wie können wir den Übergang zu einem politisch-ökonomischen System gestalten, das die planetaren Grenzen respektiert und ein gutes Leben für alle gewährleistet. |
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Wir sind in einer technischen Rezession – ist das gut, schlecht oder komplexer? |
Für den Kapitalismus ist es ein Problem, wenn das Wachstum stockt, denn er braucht Wachstum, um stabil zu sein. Es gibt mehrere Phänomene, die diesen Wachstumszwang auslösen. Das erste: Wachstum gibt es nur, wenn man Kredite aufnimmt; gleichzeitig kann man diese Kredite nur zurückzahlen, wenn das erhoffte Wachstum auch eintritt. Wenn wir dauerhaft schrumpfen würden, wären irgendwann alle Banken pleite, weil die Kredite nicht mehr zurückgezahlt würden. Zweitens: Auch Vollbeschäftigung kann man nur haben, wenn es Wachstum gibt. Denn die Unternehmen investieren dauernd in ihre Effizienz. Dadurch können sie die gleiche Zahl von Produkten letztlich mit weniger Beschäftigten herstellen. Wachstum schafft neue Branchen und damit neue Stellen. Zum Beispiel gab es vor 20 Jahren keine Webdesigner, heute hingegen sind Millionen damit beschäftigt, weltweit irgendwas im Web anzupreisen.
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Deswegen kann man nicht einfach sagen: Hurra, die Wirtschaft schrumpft, jetzt tun wir was für die Umwelt und das Klima. Das hat man auch bei der Coronakrise gesehen: Da gab es einen starken Einbruch, und alle waren panisch und haben sich gefragt, wo ihre Einkommen herkommen sollen. Wenn man Klimaschutz machen will, muss man geordnet aus dem Kapitalismus aussteigen. |
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Ulrike Herrmann ist Wirtschaftsredakteurin bei der taz und schreibt Bücher. In „Das Ende des Kapitalismus” beschreibt sie, warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind. Foto: Andrew James Johnston |
Du hast dazu einen konkreten Vorschlag. |
Es gab schon einmal den Fall, dass ein kapitalistisches System erfolgreich geschrumpft wurde, ohne dass Chaos ausgebrochen ist: in der britischen Kriegswirtschaft 1939. Die Briten hatten nicht genug Waffen, um sich gegen Hitler zu verteidigen. In dieser Situation blieb nur noch, die zivile Wirtschaft zu schrumpfen, um in den Fabriken Kapazitäten für das Militärgerät freizuräumen. Die Briten haben damals ein neues Wirtschaftssystem erfunden: eine private, demokratische Planwirtschaft. Das war etwas völlig anderes als Sozialismus. Die Fabriken blieben alle privat, und Unternehmer und Manager konnten machen, was sie wollten. Aber der Staat hat vorgegeben, was produziert wird. Diese knappen Güter wurden dann gerecht verteilt. Arm und Reich bekamen das Gleiche, das heißt, es wurde rationiert. |
Diese beiden Elemente, staatliche Planung und Rationierung, werden auch unsere Zukunft sein, wenn wir klimaneutral leben wollen. Wir werden aber nicht so arm sein wie die Briten. Selbst wenn wir unsere Wirtschaftsleistung um 50 Prozent schrumpfen müssten, wären wir immer noch so reich wie 1978. Alle, die dabei waren, wissen: Wir waren damals genauso glücklich wie heute. Wichtig ist: Die Entscheidung, was man überhaupt noch herstellt, muss demokratisch passieren. |
In einer Situation, in der keine der regierenden Parteien Wachstum auch nur in Frage stellt, klingt das ziemlich radikal. Wie verstehst du deine Rolle als Journalistin in dieser Gemengelage? |
Ich würde sagen, ich habe die Rolle einer Analytikerin. Ich bin keine Politikerin, ich bin auch nicht auf Mission. Im Fall der Klimadebatte gucke ich einfach: Was kann funktionieren und was nicht? Das ist eine ökonomische Analyse. |
Was würdest du Kolleg*innen raten, die zu dieser Schnittstelle von Klima und Wirtschaft arbeiten möchten? In welche Themenkomplexe sollten sie sich einarbeiten, welche Bücher lesen? |
Wenn man den Kapitalismus abschaffen will – und das müssen wir faktisch, wenn wir Klimaschutz machen wollen – muss man sich erst einmal für dieses Wirtschaftssystem interessieren. Und so blöd das klingt: Wenn man verstehen will, wie der Kapitalismus funktioniert, ist man mit meinen Büchern am besten bedient. |
Das Problem ist, dass die herrschende Wirtschaftstheorie, die sogenannte Neoklassik, den Kapitalismus völlig falsch beschreibt. Laien kennen diese Theorie als „neoliberal“. Diese Theorie tut so, als würden wir in einem Gleichgewichtsmodell leben, also letztlich in einer Tauschwirtschaft, wie auf den Wochenmärkten im Mittelalter. Die Phänomene, die unsere Wirtschaft und unsere Welt in Wahrheit prägen, sei es Technik, Energie, Gewinne, Wachstum, Kredite, Spekulation, kommen in dieser Theorie nicht prominent vor. Wer sich mit Klima und Wirtschaft beschäftigen will, muss sich also von der herrschenden Ökonomie lösen. Dann verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert. Und dann überlegen, wie das jetzt alles mit der Klimakrise zusammenhängt. |
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Wie geht ein 1,5 Grad konformer Lebensstil? |
Fest steht: Mit dem jetzigen Lebensstil wird es Deutschland (und vielen anderen Ländern) nicht gelingen, einen fairen Beitrag zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu leisten. Allerdings gibt es Forschungslücken bei der Frage, wie man so einen Lebensstil verändert. Auf Ebene der Haushalte sowie politisch. Hier setzt das Forschungsprojekt EU 1,5 Lifestyle an, das bereits die wichtigsten Hindernisse für einen radikalen change of lifestyle identifiziert hat. Ganz vorn dabei: das Wachstumsparadigma. Ein weiteres Ergebnis des laufenden Projekts: Verbote und Steuern sind die beliebtesten Methoden für Verhaltensänderungen. Zu der Frage, wie die Politik in Deutschland umweltfreundliches Verhalten erleichtern kann, hat außerdem der Sachverständigenrat für Umweltfragen gerade ein umfassendes Sondergutachten veröffentlicht.
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Welche Klima-Forschung schafft es in die Medien? |
Jedes Jahr veröffentlichen Fachjournale Zehntausende Studien zur Klimakrise. Doch nur ein Teil davon schafft es in die Medien. Für eine Studie, veröffentlicht im Journal „Global Environmental Change”, haben sich Forschende angesehen, welche Arten von Forschung zur Klimakrise die Medien weltweit häufiger erwähnen als andere. Die wichtigsten Ergebnisse: Journalist*innen berichten überdurchschnittlich viel über physikalische (und teilweise gesundheitliche) Folgen der Klimakrise – dafür weniger über soziale, ökonomische, technologische und Energie-Aspekte. Das läuft dem zuwider, was wir auch als Netzwerk Klimajournalismus immer wieder betonen: Um effektiv zu berichten, müssen wir Klima als Dimension jedes Themas verankern. Die wissenschaftliche Grundlage dafür gäbe es. |
Neue Grenzen des Erdsystems definiert |
Ein Team um Erdsystemforscher Johann Rockström hat in einer Studie im Fachjournal „Nature” acht Grenzen des Erdsystems definiert. Neu ist, dass die Forschenden dabei auch Gerechtigkeitsaspekte berücksichtigen. Beim Klima wäre die gerechte Grenze etwa nicht bei 1,5 Grad, weil auch dann schon Menschen sterben, vertrieben werden und hungern, sondern bei maximal einem Grad. Von diesen acht „sicheren und gerechten Grenzen” sind sieben bereits überschritten. Achtung: Diese neuen Grenzen stimmen nicht mit den neun planetaren Grenzen überein, von denen aktuell sechs überschritten sind. |
So weit von uns. Wenn ihr weiteren Klimajournalismus-Input sucht, hört doch mal in den neuen Podcast „Climate Gossip” von Samira El Hattab und Jule Zentek rein. Ansonsten möchten wir alle, die in Hamburg wohnen oder Mitte Juni auf der NR Jahreskonferenz sind, noch herzlich zum Klimajournalismus-Klassentreffen einladen. Am 16.06. um 19:30 Uhr in der Villa im Park (Else-Rauch-Platz). See you there! 🤗
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Hast du Kolleg*innen, die sich auch mal mit der Wachstums-Frage beschäftigen wollten? Leite ihnen gern direkt diesen Newsletter weiter Wenn du selbst diese Ausgabe weitergeleitet bekommen hast, kannst du das Briefing hier abonnieren: |
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PS: Wir haben im letzten Briefing schon darauf hingewiesen: Heute beginnt die Klimakonferenz „SB 58” in Bonn. Bis zum 15. Juni werden dort Vertreter*innen aller Vertragsstaaten und Beobachtungsgruppen die COP28 vorbereiten. Hier gehts zur Akkreditierung. |
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