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Das ist die zweite Ausgabe von „Onboarding Klimajournalismus”. Jeden ersten Montag im Monat bekommst du mit diesem Briefing eine Hilfestellung für deinen Sprung in die Klimaberichterstattung. Let’s go!
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Die COP27 ist vorbei und war auf vielen Ebenen eine herbe Enttäuschung. Die Idee ist eigentlich, dass die Regierungen dort neue und ambitioniertere Ziele vorlegen, um „die Lücke zu 1,5 Grad zu schließen”, wie es oft heißt. Wenn die Regierungen ernsthaft vorhätten, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten, hätten sie dieses Jahr (oder in den Jahren zuvor) entsprechende Maßnahmen beschlossen. Um das Bekenntnis, global aus allen fossilen Energieträgern auszusteigen, wurde lange gerungen. Am Ende stand es nicht im Abschlussdokument. |
Währenddessen steigen die weltweiten Emissionen weiter an (siehe unten). Mit jedem Tag schrumpft das CO2-Budget. Dass wir die Grenze einer Erderhitzung von 1,5 Grad einhalten, wird mit dieser Weltklimakonferenz noch ein großes Stück unwahrscheinlicher. Diese Erkenntnis ist bitter. Umso dankbarer waren wir im November für den Treibhauspost-Newsletter, in dem Julien Gupta schreibt, worauf wir bei der Kommunikation dieser Erkenntnis aufpassen müssen. |
In dieser Ausgabe liest du: |
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Mit klimafreundlichen Grüßen: Leonie Sontheimer und Katharina Mau vom Netzwerk Klimajournalismus Deutschland |
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Vielleicht hast du diesen Videoausschnitt von Markus Lanz gesehen. Wo Lanz Carla Rochel, Aktivistin der Letzten Generation, anschaut und sagt: „Sie sitzen hier mit 20. Sie müssten optimistisch sein.” Und dann erklärt Lanz, dass wir uns als Spezies immer angepasst haben. |
Rochel: „Wir können uns nicht an ein sich so schnell veränderndes Klima anpassen.” [...] Lanz: „Woher wissen Sie das so genau?” Rochel: „Das ist das, was die Wissenschaftler uns sagen.” Lanz: „Aber woher wissen denn die Wissenschaftler das?” Wir: 🤯 |
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Lanz’ Verhalten, wurde in den sozialen Medien schon vielfach kritisiert. Bei Übermedien gibt es einen ausführlichen Kommentar von Lisa Kräher zur Sendung. Wir möchten hier auf etwas anderes eingehen: die wissenschaftliche Grundlage. |
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Wie Lanz sicher weiß, gibt es in regelmäßigen Abständen einen neuen IPCC-Bericht, der den aktuellen globalen Forschungsstand zum Klima beschreibt. In der Zusammenfassung des aktuellen Berichts der Arbeitsgruppe II geht es ab Seite 84 um die Grenzen der Anpassung. Hier die wichtigsten Punkte: |
Der IPCC unterscheidet in weiche und harte Anpassungsgrenzen. Eine weiche Grenze ist zum Beispiel erreicht, wenn sich Menschen in Küstenorten durch Deiche vor Überschwemmungen schützen könnten, aber das Geld fehlt. Harte Grenzen sind solche, bei denen keine weitere Anpassung möglich ist.
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Für die IPCC-Berichte werten die Autor*innen Tausende wissenschaftliche Studien aus. Am aktuellen Bericht der Arbeitsgruppe II haben 270 Wissenschaftler*innen gearbeitet – und sich mehr als 34.000 Studien angesehen. Die Berichte bilden deshalb ziemlich gut den weltweiten wissenschaftlichen Konsens zum Klima ab. Was „die Wissenschaft” übrigens auch sagt: Anpassung ist zwar nicht endlos möglich, aber dringend notwendig. Und momentan passiert da noch zu wenig – auch in Deutschland. |
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Anpassung bei dir vor Ort |
Kommunen sollten – um nur ein Beispiel zu nennen – Hitzeschutzpläne entwickeln, um besonders gefährdete Menschen an heißen Tagen zu schützen. Wir Journalist*innen sollten auf allen politischen Ebenen nachhaken, ob das geschieht. Ein paar wenige Kolleg*innen wie Susanne Götze und Annika Joeres mit ihrem empfehlenswerten Buch „Klima außer Kontrolle” machen das sehr vorbildlich, sind aber allein auf weiter Flur. |
Ob du über ein großes Bauvorhaben schreibst, über den lokalen Sportverein oder über EU-Subventionen – die Frage, ob die Anpassung an die Klimakrise mitgedacht wird, ist für alle Ressorts relevant. Wenn du einen Einstieg brauchst, frag doch mal in deiner Kommune, welche Pläne zur Anpassung es gibt. Auf Bundesebene gibt es das Zentrum Klimaanpassung. Mit Pressestelle. |
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Am 7. Dezember beginnt in Kanada die UN-Biodiversitätskonferenz. Ist das die kleine Schwester des Klimagipfels? |
Was die Aufmerksamkeit betrifft, könnte man von klein sprechen, ja. Aber nicht, was ihre Bedeutung betrifft. Die Biodiversitätskrise hat ja schon vor der Klimakrise begonnen, als Menschen Wälder abgeholzt und Tierarten ausgerottet haben. Selbst wenn wir die Erderhitzung stoppen sollten, stecken wir als Menschheit in einer existenziellen Krise. Jede achte Tier- und Pflanzenart und ganze Lebensräume könnten dem Weltbiodiversitätsrat IPBES zufolge noch in diesem Jahrhundert verschwinden. |
Es geht darum, wie wir den Amazonas schützen, die Korallenriffe, unsere Lebensgrundlagen. Die bisherigen Ziele der Vereinten Nationen wurden allesamt verfehlt. In diesem Jahr, bei der 15. Biodiversitätskonferenz, wollen die Staaten sich neue Ziele bis 2030 geben. Der Gipfel müsste eigentlich das Momentum schaffen, wie es Paris beim Klima geleistet hat. |
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Christian Schwägerl ist Mitgründer der Genossenschaft RiffReporter, die freiberuflichen Journalismus kooperativ organisiert. Er leitet das Projekt „Countdown Natur“. Als freier Autor schreibt er über Politik, Anthropozän und Technologie. Foto: Merkau. |
Wieso bekommt Biodiversität im Vergleich zum Klima so wenig Aufmerksamkeit? |
Klima lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: CO2. Das können wir messen und dafür gibt es technische Lösungen. Das macht es greifbar. Wenn Menschen mit dem Auto fahren oder fliegen, denken sie mittlerweile ans Klima. Aber niemand, der den Wasserhahn aufdreht, denkt an das Feuchtgebiet in der Nähe. Dabei sind intakte Feuchtgebiete elementar für unsere Trinkwasserversorgung. Und lebende Böden sind elementar für unsere Lebensmittelversorgung. |
In unserem Projekt „Countdown Natur” begleiten wir die Vorbereitungen für die Biodiversitäts-COP schon seit Anfang 2020 und stellen die Verbindung zum Klimaschutz her. Am Ende sind Klima- und Naturjournalismus zwei Betrachtungsweisen desselben zerstörerischen Umgangs mit der Erde. |
Was ist deine meist gefühlte Emotion als Umweltjournalist?
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Erschütterung darüber, wie lange grundlegende Veränderungen brauchen – obwohl das Wissen zu Klima und Biodiversität schon so lange auf dem Tisch liegt, und es immer dringender wird. Gleichzeitig Freude darüber, dass wir in Deutschland nicht mehr nur ein Häuflein Klimajournalist*innen sind, wie ich das noch in den 1990er Jahren erlebt habe, sondern viele. Und dass das Wissen in die Breite der Branche gegangen ist. |
Wie bleibst du informiert? |
Morgens erstmal eine Runde New York Times, Deutschlandfunk, FAZ, verschiedene Newsletter wie etwa „Climate Forward“ der New York Times und „Bloomberg Green“. Dazu etwas Mastodon, weil dort jetzt auch immer mehr Wissenschaftler*innen aktiv sind. Zu Biodiversität lese ich meine Kolleg*innen von RiffReporter, viel Spektrum der Wissenschaft, Guardian Age of Extinction, Yale E360 und Mongabay. Ich lese von „Eurekalert!“ die Hinweise auf neue wissenschaftliche Studien und schaue auch einschlägige Journals durch, etwa „Biological Conservation“, dazu Pressemitteilungen wie vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung und vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung. Am wichtigsten ist: bei Recherchen mit Leuten reden, etwa bei Konferenzen oder noch besser bei Besuchen vor Ort, ob auf dem Bauernhof oder im Nationalpark. |
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Um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten, müssten wir die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 etwa halbieren. Doch im Jahr 2022 steigen die Emissionen weiter – voraussichtlich um ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 105 Forschende haben am „Global Carbon Budget 2022” gearbeitet. Das Science Media Center hat dazu ein Pressebriefing veranstaltet, das man sich nun online ansehen kann. Judith Hauck, Mitautorin des Berichts, sagt darin: „Ich würde mir durchaus wünschen, dass die Medien deutlicher sind und auch nicht nur zu einer Zeit, während gerade ein Klimagipfel stattfindet.” |
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„Wir spüren die Folgen des Klimawandels oft durch Wasser – Dürren werden stärker und häufiger, Fluten extremer, Regen unberechenbarer, Gletscher schmelzen schneller – mit Folgen für die Wirtschaft, Ökosysteme und alle Aspekte des Alltags”, sagte der Generalsekretär der Weltwetterorganisation Petteri Taalas zur Veröffentlichung des ersten Frischwasser-Reports. Der Bericht liefert detaillierte Daten, die es insbesondere für die Anpassung an die Klimakrise braucht: Welche Flüsse führen weniger Wasser, welche mehr? Wo gehen Frischwasserreserven besonders dramatisch zurück? |
Daten zum Grundwasserspiegel in Deutschland hat derweil Correctiv in einer aufwändigen Recherche gesammelt und aufbereitet. Für mehr best practice Beispiele komm in unseren Slack-Space, den Einladungslink gab’s in der Begrüßungsmail. Wenn du sie nicht mehr findest, schreib uns gern. |
Das war es von uns für dieses Jahr. Wenn du eine Person kennst, die diesen Newsletter unbedingt lesen sollte: gerne jetzt gleich weiterleiten! Wir freuen uns auch über Feedback an onboarding@klimajournalismus.de. |
Wenn du dich im neuen Jahr mehr zu Klimaberichterstattung austauschen möchtest, melde dich für den allgemeinen Newsletter des Netzwerk Klimajournalismus an und komm zu unseren Online-Calls – jeden ersten Donnerstag im Monat. |
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